Rätselhafte Bestattung im 17. Jahrhundert

Mit dem Gesicht nach unten begraben

26.09.2016 | AMANDA ARROYO
Archäologen haben 2013 im Berner Seeland einen Friedhof aus dem Frühmittelalter entdeckt. Eine der dort beigesetzten Personen wurde auf ungewöhnliche Weise bestattet: mit dem Gesicht nach unten. Um diese rätselhafte Art der Bestattung besser verstehen zu können, haben Röntgenexperten der Empa Münzenfunde aus dem Grab genauer untersucht  und die Münzen am Computer sogar rekonstruiert.
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Dieser Mann wurde mit dem Gesicht nach unten beerdigt – eine sehr aussergewöhnliche Bestattungsform. © Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Eigentlich sollte gleich bei der Kirchhofmauer, im Dorfkern von Schüpfen, eine neue Tiefgarage entstehen. Doch als die Bauarbeiten begannen, war schnell klar, dass der Bau der Garage sich verzögern würde. Denn bereits nach wenigen Stunden kamen menschliche Skelette zum Vorschein. «Der Bauherrschaft war bewusst, dass sie sich in einer sensiblen Zone befinden», sagt Christian Weiss, Numismatiker beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Denn ursprünglich hatte dieses Stück Land seit dem Frühmittelalter als Friedhof gedient. Insgesamt fanden die Archäologen 342 bestattete Personen, die zwischen dem 8. und 17. Jahrhundert dort beerdigt wurden. Unter den letzten 15 Beigesetzten war dann auch der Mann, der den Archäologen bis heute Rätsel aufgibt.
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Was vom mittelalterlichen Geldbeutel übrig ist: ein zusammenkorrodierter Block, in dem sich alte Münzen verbergen. © Archäologischer Dienst des Kantons Bern

Etwas von den anderen separiert, wurde dieser Mann bäuchlings, also mit dem Gesicht nach unten, ins Grab gelegt. «Das ist ziemlich ungewöhnlich», so Weiss. Weitere Indizien, die bei der Freilegung des Grabs zum Vorschein kamen, erhärten den Verdacht, dass dieser Mann nicht unter gewöhnlichen Umständen ums Leben kam. Denn die Archäologen fanden gleich neben dem Skelett ein Messer und mehrere zusammenkorrodierte Münzen – die Reste einer Geldbörse.

Doch warum wurde der Mann auf so merkwürdige Art bestattet? Dazu warten die Archäologen mit mehreren möglichen Varianten auf. Es ist gut möglich, dass die Beerdigung schnell vonstattengehen musste und keine Zeit mehr war, die Leiche abzusuchen. Wäre der Tote nämlich noch gewaschen worden, wie dies schon damals üblich war, hätte man den Geldbeutel gefunden und abgenommen. Denn Grabbeigaben waren zu dieser Zeit längst nicht mehr gebräuchlich. Was genau war also geschehen? Hatte der Mann eine ansteckende Krankheit und musste schnell begraben werden? Oder handelt es sich hier um einen Raubmord oder gar eine Vergeltungstat?

Münzen können Hinweise liefern
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Die ersten Röntgenaufnahmen vom Münzblock liefern kaum verwertbare Informationen. © Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Münzen liefern bei archäologischen Funden oft wertvolle Informationen. Daher wollten die Archäologen den Geldbeutel, der im Brustbereich des Verstorbenen lag, genauer untersuchen. Über die Jahre hatte sich das Leder zersetzt, die Münzen korrodierten zu einem Block zusammen. Die einzelnen Münzen würden mehr Hintergrundinformationen liefern, doch sie sind äusserst zerbrechlich. Selbst Restauratorin Sabine Brechbühl, eine Spezialistin für metallische Objekte im Archäologischen Diensts des Kantons Bern, konnte sie nicht auseinander präparieren. Die Gefahr war zu gross, dass sie die Münzen dabei zerstören würde. Also versuchte sie, den Block mittels Röntgenstrahlen zu durchleuchten. Doch herkömmliche Röntgentechnik brachte keine verwertbaren Informationen zutage, die übereinander liegenden Münzen führten zu stark überbelichteten Bildern.
Daher wandten sich die Berner Archäologen an Mathieu Plamondon, ein Röntgenspezialist an der Empa. «Der Block ist zwar nicht gross, aber er absorbiert sehr viel Strahlung, daher ist eine besonders starke Röntgenquelle nötig», erklärt Plamondon. Über just so eine energetisch starke Quelle verfügt sein brandneues Gerät namens µDETECT, ein Computertomograph mit Röntgentechnologie. Zusammen mit einem hochauflösenden Detektor kann Plamondon damit besser und präziser messen. Nur zwei oder drei weitere Labore in Europa verfügen über ein ähnlich gutes Gerät, das selbst bei Proben von bis zu zehn Zentimetern eine Auflösung im Mikrometerbereich erreicht. «Wir wussten nicht genau, ob es funktioniert, denn das war unsere allererste Messung mit dem neuen Gerät», so Plamondon.
24 Münzen im Geldbeutel – in verschiedenen «Währungen»
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Röntgenaufnahmen mit dem neuen Empa-Gerät namens µDETECT geben erste Details preis: In der inzwischen zersetzten Geldbörse befanden sich mindestens 24 Münzen. © Empa

Doch bereits die erste Röntgenaufnahme lieferte überraschend gute Bilder. Im Querschnitt waren 24 dünne Münzen zu erkennen – manche einseitig, andere beidseitig geprägt. Auf dem Bild ist sogar zu sehen, dass einige der Münzen aus zwei verschiedenen Metallen bestehen. Oft wurden früher Münzen aus einer Kupfer-Silber-Legierung gefertigt und vor dem Prägen in ein Weinsäurebad eingelegt, damit sich das Kupfer aussen auflöst. An der Oberfläche blieb das glänzende Silber zurück. Eine der Münzen im Portemonnaie besteht sogar komplett aus purem Silber. Doch mit diesem ersten Einblick gab sich der Empa-Röntgenexperte noch nicht zufrieden. Er versuchte die Bilder in sorgfältiger Feinarbeit virtuell zu drehen und auszurichten. Auch wenn die Münzen stark korrodiert sind, kamen plötzlich Bilder und Buchstaben zum Vorschein – die Prägungen.

 

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Tomographie-Aufnahmen der Empa: Die jüngste mit Prägejahr versehene Münze, die im Portemonnaie steckt, zeigt das Jahr 1629. Anhand der Münzen lässt sich das Grab datieren. © Empa

Die jüngste mit Jahreszahl versehene Münze aus der Geldbörse stammt aus dem Jahr 1629, also muss der Mann nach diesem Zeitpunkt bestattet worden sein. Auch wie der Mann gelebt hatte, geben die Münzen preis. «Es ist möglich, dass dieser Mann ein reisender Geschäftsmann war», sagt Christian Weiss, «denn in seiner Geldbörse befinden sich Münzen aus den Regionen Fribourg-Bern-Solothurn, Basel-Freiburg im Breisgau und Luzern-Schwyz.» Jede dieser Regionen hatte damals ihr eigenes, regional zirkulierendes Geld.

«Sämtliche Münzen entsprechen Kleingeld», sagt Weiss, «da ist nichts drin, was einer heutigen Hunderternote entsprechen würde.» Dass jemand die wertvolleren Münzen entwendet und den Rest dem Toten zurückgesteckt hat, hält er für eher unwahrscheinlich. Dies spricht also gegen einen Raubmord. Doch ein Mord aus anderen Gründen, wie etwa Rache, lässt sich weiterhin nicht ausschliessen. Was damals tatsächlich geschah und warum der Mann auf so ungewöhnliche Art bestattet wurde, wird daher vermutlich für immer ein Geheimnis bleiben.

Informationen

Dr. Mathieu Plamondon
Empa, Zentrum für Röntgenanalytik
Tel. +41 58 765 43 30

Dr. des. Christian Weiss
Archäologischer Dienst des Kantons Bern
Tel. +41 79 261 97 02


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Martina Peter
Empa, Kommunikation
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